Mythos „Mittagspause“

An dieser Stelle möchte ich gern einige Worte zu dem dritten Thema verlieren, dass in den aquaristischen Internetforen immer wieder und wieder erscheint: der Mittagspause, also dem Ausschalten der Aquarienbeleuchtung zur Mittagszeit.

Um das mal kurz zu erläutern:

In den Internetforen wird sehr oft nach der Beleuchtungsdauer von Aquarien gefragt oder um Hilfe geschrieen, weil sich ein paar Algen an den Scheiben oder auf den Dekorationsgegenständen zeigen. Die Standardempfehlung, die dann immer wieder zu lesen ist, z. T. auch in der aquaristischen Fachliteratur, ist die Mittagspause. Dabei gehen die Meinungen über die Dauer sehr auseinander und reichen von 1 Stunde bis hin zu 4 Stunden. Diese Mittagspause soll das Algenwachstum verhindern oder zumindest erschweren. Begründet wird dies dann oft mit der Behauptung, in den Tropen würde es Mittags wegen der Gewitter auch dunkel werden. Die Algen sollen angeblich empfindlich auf diese Lichtunterbrechung reagieren. Nebenbei liest man dann ab und zu noch Empfehlungen zur Beleuchtungsdauer von 9 – 10 Stunden, was beim Energiesparen helfen soll.

Woher diese Empfehlung ursprünglich mal stammt und wer die Idee dazu hatte, kann ich leider nicht sagen. H.-J. Krause und die Firma Dennerle propagieren diese Mittagspause in ihrer Literatur bzw. ihren Katalogen. Andere wie z. B. Frau Kasselmann, deren Meinung ich mich grundsätzlich anschließe, können dieser Pause nicht viel abgewinnen.

Warum ich diese Mittagspause für einen Mythos halte, will ich im Folgenden versuchen darzustellen:

Unsere Aquarienpflanzen stammen fast ausschließlich aus den Tropen, also aus Gebieten am Äquator bis hin zu 30° Nord und Süd. Am Äquator beträgt die Tageslänge fast exakt 12 Stunden und in den Randbereichen der Vorkommensgebiete schwankt sie zwischen 10 und 14 Stunden, was im Jahresmittel wiederum 12 Stunden bedeutet. Was tun wir unseren Pflanzen also damit Gutes, sie nur 9 – 10 Stunden zu beleuchten? Ich weiß es nicht.

Ich war zwar selbst noch nie in den Tropen, kenne aber auch niemanden, der die Heimatbiotope unserer Pflanzen bereist und berichtet hat, dass es dort um die Mittagszeit dunkel wird. Im Gegenteil, um die Mittagszeit ist die Sonneneinstrahlung sogar am stärksten. Selbst wenn es regnet, ist das Licht noch ausreichend, um den Pflanzen eine ordentliche Photosynthese zu gewährleisten.

Nun mag wieder das Standardargument kommen, dass die Pflanzen ja von den Urwaldbäumen zusätzlich abgeschattet werden. Aber auch diese Aussage ist fraglich, denn 75 % unserer Aquarienpflanzen sind Sonnenpflanzen und nur 25 % sind Schattenpflanzen (Angaben lt. Christel Kasselmann) , wie z. B. einige Arten aus den Gattungen Anubias, Crinum und Cryptocoryne. Unsere Standard-Abdeckungen mit in der Regel 2 T8-Leuchtstofflampen sind gegenüber dem Lichtangebot in den Heimatbiotopen der Sonnenpflanzen lediglich Funzeln. Wer schon einmal ein holländisches Pflanzenaquarium mit 5 – 6 Röhren gesehen hat, der weiß wovon ich rede.

Wie man weiß, benötigt die Pflanze zur Photosynthese Licht in ausreichender Menge. In der Dunkelheit findet keine Photosynthese statt. Vielfach wird die Meinung vertreten, dass nach dem Einschalten der Aquarienbeleuchtung (oder dem Sonnenaufgang) die Photosynthese beginnt und in einer flachen Kurve ansteigt, d. h. es würde eine geraume Zeit dauern, bis die Photosynthese voll im Gang ist. Geht nun das Licht zur Mittagszeit aus, würde die Photosynthese abrupt unterbrochen und in einer steilen Kurve auf Null fallen. Wenn das Licht nun nach 4 Stunden wieder eingeschaltet wird, beginne die Photosynthese von neuem, aber wieder in einer flachen Kurve. Wäre dem so, dann würden uns die Pflanzen die Mittagspause mit eingeschränktem Wachstum danken, was sie teilweise, aber komischerweise nicht immer, auch tun, wovon wiederum die Algen profitierten. Unabhängig davon, dass man seinen Pflanzen und sich damit keinen Gefallen täte, erreichte man sogar öfter das Gegenteil als das, was man erreichen möchte, nämlich möglicherweise vermehrtes Algenwachstum. Mittlerweile sprechen einige Botaniker aber davon, dass das "Umschalten" in der Pflanze von hell auf dunkel doch nur ein Prozess von Minuten sei, was hieße, dass die Unterbrechung der Beleuchtung kaum eine negative Wirkung hat, solange man nur 12 Stunden beleuchte. Trotzdem stagniert bei einigen Aquarianern das Pflanzenwachstum, bei anderen wiederum nicht. Ich stelle mir an dieser Stelle die Frage, ob die Algen sich ebenfalls in wenigen Minuten umstellen können. Wenn ja, dann würde die Mittagspause ihnen auch wieder nicht schaden. Dass einem die Algen die Mittagspause übel nehmen sollen, konnte ich bei meinen Tests in unbepflanzten Aufzuchtbecken zumindest nicht feststellen. Auch stelle ich mir die Frage, ob dieses "Schnell-Umschalten" für alle Pflanzen gilt, oder ob diese Möglichkeit nur Pflanzen entwickelt haben, die einem natürlichen Wechselrhythmus unterliegen und die Wissenschaft hier ein Untersuchungsergebnis, das an einer oder an wenigen Pflanzen erbracht wurde, auf alle übertragen hat, so wie ja Wissenschaftler gern nur schlussfolgern, was dann über Jahre als gesicherte Erkenntnis gilt. Gegen das "schnelle Umschalten" sprechen jedoch wiederum langjährige Beobachtungen, z. B. von Frau Kasselmann, im Aquarium, bei denen der größte Teil der Aquarienpflanzen erst nach einem Zeitraum von ca. 2 - 3 Stunden nach dem Einschalten der Beleuchtung die ersten Assimilationsbläschen zeigten. Wenn Sie sich jetzt fragen, was denn Assimilationsbläschen sind und sie diese in ihren Aquarien noch nie gesehen haben, ist dies ein sicheres Zeichen dafür, dass Ihre Pflanzen nicht optimal beleuchtet werden.

Was nun die Gewitter-Theorie anbelangt, so erscheint es mir auch ziemlich fragwürdig, dass z. B. die Tropen des Amazonasbeckens mit einer Fläche von ca. 2 Mio. Quadratkilometern täglich komplett unter eine dicken Wolkendecke liegen soll. Auch mein Kollege am Nachbarschreibtisch, der bereits die Tropen und Subtropen Australiens bereist hat, konnte diese Gewitter-Theorie nicht bestätigen, gleichlautend mit den Erfahrungen von Frau Kasselmann und deren Beobachteungen aus über 30 Tropenreisen und den damit verbundenen Feldforschungen.

Gegen das Sonnenpflanzen-Argument wird manchmal ins Feld geführt, dass die Wasserpflanzengärtnereien sehr viel Geld in Abschattungstechnik investierten, was ja wohl dafür spräche, dass unsere Aquarienpflanzen starke Sonneneinstrahlung nicht vertrügen.

Dieses Argument geht jedoch fehl.

Die meisten unserer Aquarienpflanzen werden emers, also über Wasser, angezogen. Sie sind also der sie umgebenden Luft vollständig ausgesetzt. Durch die Sonneneinstrahlung in ein Gewächshaus wird diese Luft verhältnismäßig stark erwärmt, viel stärker als im Freiland. Beträgt im Sommer um die Mittagszeit die Lufttemperatur im Freiland 30°C, so beträgt sie unter den gleichen Bedingungen im Gewächshaus gut und gern 70°C. Diese Temperatur übersteigt das Temperaturmaximum sämtlicher höheren Pflanzen bei weitem, so dass sie gnadenlos verbrennen würden. Und je größer ein Gewächshaus ist um so schwieriger ist es, durch normale Lüftung ohne aufwändige Ventilatorentechnik eine Temperaturregelung zu erreichen. Hier kommt dann die Abschattung ins Spiel, die aber nur sehr wenig mit der Lichtstärke zu tun hat. Selbst in Wasserpflanzengärtnereien, die die Pflanzen submers ziehen, würde die Überwärmung des stehenden Wassers dazu führen, dass die Pflanzen ihr Wachstum einstellen und das Algenwachstum würde überhand nehmen. In einem fließenden Klarwasserbach würde es bei gleicher Sonneneinstrahlung nie zu solchen Verhältnissen kommen. Vergessen sollte wir auch nicht, dass Sonnenlicht, dass durch Glas scheint, seine Struktur verändert und wie ein Brennglas wirken kann. Denken Sie mal an die berühmte Glasscherbe im Wald.

Oft wird als starkes Argument für die Mittagspause ins Feld geführt, dass Algen empfindlicher auf veränderte Umweltbedingungen reagieren sollen als höhere Pflanzen. Ich kann nicht sagen, ob dies wirklich so ist, und ich weiß auch nicht, ob es hierzu überhaupt wissenschaftliche Untersuchungen gibt. Bekannt ist allerdings, dass diese Aussage bei plötzlich eintretenden Veränderungen einen wahren Kern hat. So weiß man, dass es z. B. bei einer plötzlichen Veränderung des osmotischen Drucks zu einem Platzen der Zellen von Algen kommt, was bei den höheren Pflanzen nicht oder zumindest nicht in gefährlichem Maße geschieht, aber es ist auch allgemein bekannt, dass sich höhere und spezialisiertere Lebewesen schlechter an langfristige Umweltveränderungen anpassen können. Dies ist nicht zuletzt Ursache für das Aussterben vieler Arten bei starkem Eingriff in deren Umweltbedingungen. Wenden wir also über einen längeren Zeitraum kontinuierlich diese Mittagspause an, könnten sich dann vielleicht die Algen langsam darauf einstellen und hätten somit wiederum einen Vorteil gegenüber höheren Pflanzen, die dazu möglicherweise nicht in der Lage sind? Würden sie uns die ungünstigen Umweltbedingungen mit dauerhaft vermindertem Wachstum danken , die die Algen wiederum freuen würden? Ich kann zumindest aus eigener Beobachtung in vielen Becken sagen, dass zumindest die Pinselalgen überhaupt keine nennenswerte Notiz von der Mittagspause nehmen. Und da ich keine Möglichkeit zu wissenschaftlichen Untersuchungen und ehrlich gesagt auch keine Lust dazu habe, mein Hobby als Wissenschaft zu betreiben, werden diese Fragen wohl unbeantwortet bleiben.

Ich bitte Sie aber, die oben getroffene Aussage zur plötzlichen Veränderung des osmotischen Drucks nicht als das Geheimrezept gegen Algen zu verstehen, denn bedenken sie, dass die Aquarientiere dann auch dieser Veränderung unterlegen sind und dies mit ziemlicher Sicherheit nicht verkraften werden.

Was bei allem bleibt ist die Erkenntnis, dass die viel gelobte Mittagspause eher eine Glaubensfrage als ein wirklich wissenschaftlich unterlegter Tipp und vielleicht nichts weiter als ein Mythos ist. Um diese Frage sicher zu klären, bedarf es intensiver wissenschaftlicher Forschung und ich hoffe, dass sich ein vertrauenswürdiger Forscher und Autor eines Tages dieses Themas annehmen und die Ergebnisse der Untersuchungen in Form eines Buchs oder einer Internetseite veröffentlichen wird. Dass es zu diesem Thema in nächster Zeit zu groß angelegten Forschungen kommen wird, wage ich aber zu bezweifeln, da es niemandem wirklich finanziellen Nutzen bringt. Wer sollte diese mit Sicherheit sehr teuren Forschungen also finanzieren? Bleibt uns also nur die eigene Beobachtung und das Vertrauen in Autoren aquaristischer Literatur, dass allerdings leider oft genug enttäuscht wird. Noch größer ist die Enttäuschung oft bei zahlreichen Internetseiten und Foren, auf denen jeder meint, seine paar "Erfahrungen" publizieren zu müssen, ohne wirklich über einen langen Zeitraum empirisches Wissen gesammelt zu haben oder das regelmäßige Gespräch mit anderen, tatsächlich erfahrenen Aquarianern zu suchen. Und der schlimmste Feind des Aquarianers sind Pauschalaussagen, die immer wieder gern getroffen werden, die aber in der Aquaristik so gut wie keine Chance haben. Leider kann ich Ihnen an dieser Stelle nicht sagen, welche Literatur und welche Internetseiten ich für ausgesprochen ungeeignet halte, um sich das nötige Wissen für eine erfolgreiche Aquaristik anzueignen, denn das würde mir wohl Abmahnungen ohne Ende einbringen. Ich kann Ihnen nur sagen, welche ich im Besonderen für empfehlenswert halte. Hierzu gibt es meine Seiten Buchempfehlungen und Links.

Und bevor jetzt wieder jemand nach Belegen schreit, wie ich es immer in den Foren erlebe, hier noch zwei kleine Zitate von Frau Christel Kasselmann:

„Pflanzenaquarien gestalten“ Seite 18:

„Von einer Unterbrechung der täglichen Beleuchtungszeit (Mittagszeit) sowie einem wöchentlichen „Regentag“ (ein eintätiges vollständiges Abdunkeln) ist dringend abzuraten. Ein solches Vorgehen ist unnatürlich und unterbricht auf unnötige Weise die Photosyntheseproduktion der Pflanzen.“

"Echinodorus" Seite 21:

"Die tägliche Beleuchtungsdauer sollte nicht weniger als 12 Stunden betragen. Eine mehrstündige Unterbrechung dieser Zeit, wie sie manchmal empfohlen wird, stört auf unnatürliche Weise die Photosyntheseproduktion der Pflanzen und führte bei Versuchen der Verfasserin zu deutlich nachlassendem Wachstum und gleichzeitig explosiver Algenbildung."

Ich möchte an dieser Stelle noch darauf hinweisen, dass die von mir hier getroffenen Aussagen meine rein persönliche Ansicht darstellen. Es gibt vielerlei Berichte von Aquarianern, die positive Erfahrungen mit der Mittagspause gemacht haben. Bei dieser Sache ist es wohl wie bei den Diäten: dem Einen helfen sie, dem Anderen nicht. Probieren sie es einfach aus und praktizieren Sie das, was für Ihr Aquarium gut ist. Jeder Tipp muss sich in der Praxis bewähren, zumal selbst zwei völlig gleiche Aquarien niemals gleich sind.

Eine mögliche Erklärung für die positiven Effekte der Mittagspause finden Sie hier:

http://www.deters-ing.de/Pflanzen/mittagspause.htm

Ich persönlich werde die Mittagspause jetzt und in Zukunft nicht empfehlen.

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