Besatzplanung

Jeder Aquarianer steht früher oder später einmal vor der Frage, wie er sein gerade neu angeschafftes Becken besetzen soll. Ob es nun das erste Becken in seiner Aquarianerkarriere ist oder ob mal wieder nach langer Überzeugungsarbeit beim Ehepartner oder den Eltern ein weiteres Becken hinzu gekommen ist; die Frage ist immer die gleiche.

Nun beginnt der Fischliebhaber Bücher zu diesem Thema zu wälzen und stößt irgendwann bei seiner Suche auf sogenannte Besatzformeln, nach denen man auf 1 cm ausgewachsenen Fisch 2 Liter Wasser rechnen müsste, oder im  noch besseren Fall sogar 1 cm Fisch auf 1 Liter Wasser. Diese Formeln scheinen einem zwar die Planung der Fischmenge zu erleichtern; sie sind bei genauerer Betrachtung  jedoch ziemlich unbrauchbar.

Hier mal ein Beispiel für die Formel 1 cm auf 2 Liter Wasser:

Nach dieser Formel könnte man in einem 500-Liter-Aquarium (200x50x50) einen 2 Meter langen Hai halten, einen Schwarm von 100 Neonsalmlern jedoch nicht.

Oder um etwas realistischer zu bleiben; in einem 54-Liter-Aquarium (60x30x30) hätte somit ein 25 cm Pfauenaugenbuntbarsch Platz, für 8 Guppy-Männchen wäre es dann aber schon ziemlich eng.

Ich glaube, dass man an diesen beiden Beispielen deutlich sehen kann, wie unsinnig eine Besatzplanung nach Formeln ist, und wie wichtig es erscheint, andere, geeignetere Kriterien zu finden. Daher sollen an dieser Stelle einige Denkanstöße für eine vernünftige Besatzplanung, die eine weitgehend artgerechte Zierfischhaltung ermöglicht, gegeben werden. Es kann sich aber nur um Denkanstöße handeln, denn mit diesem Thema könnte problemlos ein ganzes Buch gefüllt werden.

Der Idealfall, der aber wahrscheinlich niemals eintreten wird, wäre der, dass der gewünschte Fischbesatz bereits geplant ist, und danach erst das passende Becken mit dem entsprechenden Zubehör angeschafft wird. In den meisten Fällen ist jedoch Becken und Zubehör schon da, und dann fängt man an zu überlegen, welche Fische in dem Becken gepflegt werden sollen. Daher soll hier auch von diesen Voraussetzungen ausgegangen werden.

Ausgangskriterium für die Besatzplanung sollten immer die Ausgangswerte des Leitungswassers sein, also der pH-Wert, die Karbonathärte (KH) und die Gesamthärte (GH). Hat man diese Werte durch Testreagenzien, durch seinen Zoohändler oder durch Nachfrage beim örtlichen Wasserversorger erfahren, muss man sich Gedanken darüber machen, ob man das Wasser unverändert verwenden will oder ob man bereit ist, den finanziellen und arbeitsmäßigen Mehraufwand für die Anpassung der Wasserwerte in Kauf zu nehmen.

Hat man sich über diese Frag Klarheit verschafft, ist es an der Zeit, sich in der einschlägigen Fachliteratur, im Zoohandel oder bei Aquarienvereinen und auf deren Zierfischbörsen über das aktuelle Angebot zu informieren. In guter Fachliteratur findet man neben ansprechenden Fotos der Fische auch Angaben zu deren Hälterungsbedingungen und vor allem zu den erforderlichen Wasserwerten.

Die nächste Frage sollte nun sein, welche Fische gefallen mir überhaupt und gelangen somit in die engere Wahl. Hat man hier eine Auswahl getroffen, erfolgt die weitere Einschränkung, nämlich die Auswahl der Fische, die zu meinen Wasserwerten passen. Die dritte Einschränkung erfährt die Auswahl nun durch die Größe des angeschafften Aquariums, denn niemand kommt sicherlich auf die Idee, ein Pärchen südamerikanische Großcichliden in einem 60er Becken zu halten.

Ist man an dieser Stelle angekommen, hat man eine gewisse Liste von in Frage kommenden Fischen zusammen, die nun noch weiter eingeschränkt werden muss.

Nun sollte man sich die Frage stellen, wie das Becken eingerichtet werden soll; welchen Bodengrund wähle ich – Sand oder Kies, oder vielleicht eine Decke aus Buchenlaub -, wie soll das Becken bepflanzt werden – dichte oder lockere Bepflanzung, Schwimmpflanzendecke oder freie Oberfläche -, welche Einrichtungsgegenstände sollen verwendet werden – Moorkienwurzeln, Höhlen aus Felsgestein oder kalkhaltigem Lochgestein – usw. In der Fachliteratur oder auch im Internet findet man in der Regel zu sämtlichen in Aquarien gepflegten Zierfischen Angaben zum heimatlichen Biotop, so dass man diese Informationen für eine weitgehend artgerechte Aquarieneinrichtung zu Hilfe nehmen kann. Dieses Thema soll hier aber nicht weiter vertieft werden, denn es handelt sich hierbei um ein eigenständiges Kapitel der Aquaristik.

Hat man nun die Einrichtungsart seines Aquariums festgelegt, hat sich damit in der Regel auch der in Frage kommende Besatz schon beträchtlich reduziert. Nun stehen nur noch die Fragen zur Anzahl der Fische und zu deren Vergesellschaftung im Raum.

Für die Anzahl der in einem bestimmten Aquarium zu pflegenden Fische gibt es kein funktionierendes Patentrezept, wie man an meinen obigen Ausführungen zu den immer wieder verwendeten Formeln bereits erkenne kann. Hierfür sind nicht nur die Größe der Fische, sondern insbesondere auch deren Verhaltensweisen von großer Bedeutung, so z. B. Revier-, Schwimm- und Gesellschaftsverhalten.

Hier ein paar (unvollständige) Beispiele:

Panzerwelse – sie halten sich zumeist am Bodengrund des Aquariums auf und sind gruppenorientiert. Außerdem können sie recht schwimmfreudig sein. Das bedeutet, dass ich ihnen einen möglichst großen Freiraum am Boden vorhalten muss, und außerdem sollte ich die Tiere nur in einer Gruppe pflegen, da sie sich bei paarweiser Haltung nicht wohl fühlen und nicht ihr typisches Verhalten zeigen.

Salmler – sie sind häufig sehr schwimmfreudig und vielfach auch Schwarmfische. Daher sollten die Becken ihnen genügend Schwimmraum insbesondere im Mittelbereich bieten. Ihr typisches Verhalten zeigen sie außerdem nur, wenn sie in einem kleinen Schwarm – 10 bis 15 Tiere oder mehr – gehalten werden.

Barben und Bärblinge – auch sie sind oft gruppenorientiert und oft recht quirlig bis ruppig. Deshalb sollte darauf geachtet werden, dass sie nicht mit ruhigen und schreckhaften Fischen vergesellschaftet werden. Außerdem neigen einige Barben dazu, fadenartig verlängerte Flossen anderer Fische abzufressen. Dies muss besonders bei der Vergesellschaftung mit anderen Fischen berücksichtigt werden.

 Buntbarsche – hier muss man besonders auf das Revier- und Sozialverhalten achten, d. h. man muss berücksichtigen, ob die Tiere Paare bilden und ihr ganzes Leben zusammen bleiben und demzufolge auch ein gemeinsames Revier besetzen, ob evtl. nur die Männchen fest Reviere bilden und nur die laichbereiten Weibchen in das Revier einlassen oder ob die Männchen sogar nur zur Paarung ein Revier belegen und ansonsten mit in den Schulen/Schwärmen der anderen Tiere leben.

So kann z. B. ein 600-Liter-Aquarium mit einem Pärchen südamerikanischer Großcichliden voll besetzt sein, dass gleiche Becken kann aber 40 – 50 Malawi-Cichliden vertragen, ja ein dichter Besatz ist hier sogar fast Pflicht, um Aggressionen und Scheu abzubauen und den Tieren den Schutz der Gruppe geben.

Ein wichtiger Faktor bei der Planung des Besatzes ist auch die Frage, wie wird mein Aquarium mit der Schadstoffmenge fertig, die täglich anfällt. Sind z. B. der oder die Filter so proportioniert, dass es ihnen ein Leichtes ist, dass ausgeschiedene Ammonium/Ammoniak in Nitrit und in der Folge in Nitrat umzuwandeln ? Reicht die Bepflanzung meines Beckens aus um ggf. Phosphat und Nitrat abzubauen ? Und man darf dabei nicht vergessen, dass die ausgeschiedene Schadstoffmenge von 25 cm Neonsalmlern und 25 cm Pfauenaugenbuntbarsch nicht die gleiche ist.

Die Proportionen des Filters sind auch noch für andere Punkte von nicht minderer Bedeutung. Die vom Filter durch seinen Auslauf erzeugte Strömung darf nicht unberücksichtigt bleiben, denn so fühlen sich z. B. Guppies oder auch Panzerwelse in Becken mit starker Strömung nicht wohl, wohingegen Stromschnellen-Cichliden wie z. B. die Gattung Steatocranus oder Teleogramma sogar auf starke Strömung angewiesen sind.

Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist die Frage des Sauerstoffgehalts in meinem Aquarium. Dieser hängt wiederum von 2 Faktoren ab – zum Einen von der Dichte der Bepflanzung des Beckens, zum Anderen von der Stärke der Oberflächenbewegung, die wiederum vom Filterauslauf oder auch einem Ausströmer erzeugt werden kann.

Habe ich ein Aquarium mit wenig Oberflächenbewegung, dann sollte ich auf Fische zurückgreifen, die in sauerstoffarmen Wasser existieren können. Als Beispiel seien hier die Panzerwelse und alle Labyrinthfische (Kampffische, Fadenfische, Makropoden usw.) genannt. Soll das Becken jedoch Malawi-Cichliden ein Zuhause bieten, ist eine sehr starke Oberflächenbewegung erforderlich, die den Sauerstoffgehalt des Wassers nahe an den Sättigungspunkt bringen muss. Malawi-Cichliden verzeihen manchen Pflegefehler, nur Sauerstoffmangel quittieren sie mit sofortigem Sterben.

Auch die Farbe des Wassers kann für die Besatzplanung von Bedeutung sein. Hat man z. B. frische Moorkienwurzeln im Becken, die das Wasser regelmäßig mit Huminsäuren anreichern und somit braun färben, dann sollte man auf verschiedene Lebendgebährende (z. B. Guppies) verzichten, denn sie kommen mit braun gefärbtem Wasser (Schwarzwasser) nicht sehr gut klar, denn sie stammen in aller Regel aus Klargewässern. Hier sollte man vielleicht auf einige hübsche Salmler aus Schwarzwasserflüssen zurückgreifen, z. B. den Roten Neon.

Ich glaube, an dieser kurzen Abhandlung kann man deutlich erkennen, dass die Planung eines Fischbesatzes nicht so einfach nach einer mathematischen Formel erledigt werden kann, denn wir haben es hier mit Lebewesen zu tun, die sämtlichst unterschiedliche Anforderungen an ihre Umgebung stellen.

Natürlich kann man rein rechnerisch in einem Krankenhausschlafsaal mit einer Größe von 100 qm bequem 20 – 25 Patienten unterbringen. Wenn regelmäßig gelüftet wird, dann reicht auch der Sauerstoff für alle. Aber würden Sie sich dort wohl fühlen ???

Diese kurze Abhandlung kann natürlich nicht vollständig sein, sondern sollte nur ein paar kleine Denkanstöße geben, um mit diesem Grundwissen unseren Lieblingen ein angenehmes Zuhause zu errichten.

Dieser Beitrag wurde von mir zuerst in der Aqua-FAQ des Aquarium-Forum veröffentlicht.

Startseite